perspectives 2018: Wo bleibt der Mensch?

Experten diskutierten über Digitalisierung und Wachstumsfaktoren in der Chemie- und Pharmabranche

Ist die digitale (R)Evolution Fluch oder Segen für die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen im 21. Jahrhundert? Bei allem Fortschritt, den die Digitalisierung mit sich bringt, scheint der Verbleib des Menschen die größte Unbekannte. „Wo bleibt der Mensch?“ – diese fast philosophisch anmutende Fragestellung stand im Zentrum der perspectives 2018, dem Networking-Event für die deutsche Chemie- und Pharmabranche von Infraserv Höchst, das am 13. Juni 2018 auf der ACHEMA in Frankfurt stattfand.

Erfahren Sie, wie der Philosoph Richard David Precht, der Unternehmer Michael Heraeus und der Gewerkschafter Francesco Grioli (IG BCE) den Menschen im digitalen Wandel sehen. Darüber hinaus gewähren Oliver Coenenberg (Sanofi), Sjef Arets (DSM) und Henrik Hahn (Evonik) spannende Einblicke in die Veränderungsprozesse der eigenen Organisation.

Die Referenten: Köpfe, Thesen, Perspektiven

Philosoph, Autor, Publizist

Wir dekorieren auf der Titanic die Liegestühle um

Der Philosoph, Kunsthistoriker und promovierte Germanist ist Autor internationaler Bestseller, darunter „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“. Als einer der profiliertesten Intellektuellen im deutschsprachigen Raum lehrt er als Honorarprofessor an der Leuphana Universität Lüneburg und an der Berliner Hochschule für Musik Hanns Eisler. Einem breiteren Publikum wurde er bekannt mit der ZDF-Philosophiesendung „Precht“. Sein Augenmerk gilt Fragen der Ethik im Kontext aktueller gesellschaftlicher und technologischer Entwicklungen, so zum Beispiel der unternehmerischen Verantwortung in einer Zeit massiver Veränderungen der Arbeitswelt.

„Die vierte industrielle Revolution wird für unsere Gesellschaft ebenso einschneidend sein, wie die erste industrielle Revolution zu Beginn des 19. Jahrhunderts.“ Mit diesen Worten bringt Richard David Precht, einer der profiliertesten deutschen Intel­lektuellen der Gegenwart, die Bedeutung der Digitalisierung und ihre Herausforderungen für das Wirtschafts- und Gesell­schaftssystem auf den Punkt. In seiner Keynote auf der perspec­tives 2018 konstatierte der Philosoph und Bestsellerautor, dass sich die Gesellschaft mit Blick auf die Arbeit in einer histori­schen Umbruchzeit befinde. Es sei klar, dass menschliche Intel­ligenzleistungen durch künstliche Intelligenzen ersetzt würden. Eine flächendeckende, hohe Arbeitslosigkeit sei eine gesellschaftliche Bedrohung, die sich schon heute darin zeige, dass aus Angst vor dem Wandel und seinen möglichen Folgen eine Restauration einsetze, die konservative Kräfte Empor hebe.

Prechts Lösung auf die Kernfrage der perspectives 2018 „Wo bleibt der Mensch?“ lautet deshalb „Der Mensch braucht die Motivation und Autonomie zur Selbstbefähigung“. In allen Bereichen der Arbeitswelt blieben diejenigen Tätigkeiten bestehen, die einen hohen Grad an Empathie erfordern. Die Kompetenz der Menschen sei es zudem, kreative Lösungen erar­bei­ten zu können – eine Fähigkeit, die nicht algorithmisierbar oder programmierbar sei. Diese Fähigkeit, so Precht, würde jedoch im heutigen Bildungssystem, das auf ein Auswendigler­nen nach Schema-F ausgelegt sei, systematisch untergraben. Der Mensch im digitalen Zeitalter müsse befähigt sein, seine Talente zu ken­nen und in der Arbeitswelt einzusetzen. Um der gesellschaftlichen Bedrohung durch eine hohe Arbeitslosigkeit entgegenzuwirken, präferiert Precht die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens. Die Gesellschaft brauche einen Wandel. We­nn nicht, dekoriere sie nur die Liegestühle auf der Titanic um.

Mitglied des geschäftsführenden Hauptvorstandes, IG BCE

Digitalisierung und Industrie 4.0 – Technik allein reicht nicht

1972 geboren, erlernte Grioli bei der Hoechst AG in Frankfurt den Beruf des Energieelektronikers. Mit 17 Jahren trat er in die IG BCE ein, wo er seit 1998 in hauptamtlichen Positionen tätig ist. Im geschäftsführenden Hauptvorstand der IG BCE, dem er seit Oktober 2017 angehört, fällt das Thema Digitalisierung in seinen Zuständigkeitsbereich. Sein Ansatz: Damit der technische Fortschritt neben wirtschaftlichen Erfolgen auch positive soziale Auswirkungen hervorbringt, müssen Wirtschaft und Gesellschaft nicht nur in Maschinen, sondern vor allem in Menschen investieren. Seit Mai 2014 ist Grioli zusätzlich Mitglied des BASF-Aufsichtsrats.

Als drittgrößte Gewerkschaftsvertretung in Deutschland sieht die IG BCE einen klugen Sozialpartnerdialog als wichtige Wei­chenstellung, damit die Menschen die Herausforderungen der Digitalisierung meistern. „Unternehmen müssen in die Aus- und Weiterbildung ihrer Mitarbeiter investieren und dabei müssen wir anders denken als vor zehn Jahren“, betont Francesco Grioli, Mitglied des geschäftsführenden Hauptvorstands der IG BCE in seiner Keynote zum Thema „Wo bleibt der Mensch?“ auf der perspectives 2018. Das Modell der dualen Ausbildung sieht der Ge­werkschaftsvertreter Grioli als erfolgreichstes Instru­ment, um Mitarbeiter zu befähigen, aufgeschlossen für Verän­de­run­gen zu sein und Innovationen weiterzuentwickeln. Aus- und Weiterbil­dung dürfe bei den Unternehmen kein Kosten­block sein, sondern müsse als Investition gesehen werden. Denn es würden die Na­tionen im Prozess des Wandels am besten mit­halten, die innova­tionsgetrieben sind und ein großes Interesse daran haben, Offenheit und Kreativität bei den Beschäftigten zu fördern, mit dem Ziel gemeinsam die Zukunft zu gestalten. „Es stellt sich die Frage, wie nehmen wir den Menschen mit? Unter­nehmen brauchen eine Führungskultur der Möglichmacher, nicht der Vorarbeiter.“

Unternehmer

Unternehmerische Verantwortung in Zeiten des Wandels

Nach dem Studium der Betriebswirtschaft in Göttingen und Köln hat der Diplom-Kaufmann Heraeus 1967 den ersten Kunstinvestmentfonds der Welt gegründet. Es folgten verschiedene Stationen, u.a. als Produktmanager bei Melitta (Repositionierung der Marke granini Trinkfrucht), als Vertriebsmanager bei Original Hanau-Heraeus und als Exportleiter beim Unternehmen Electro-lux-Kern. Seit 1987 ist er Geschäftsführer der Herador GmbH, in der die unternehmerischen Interessen seiner Familie gebündelt werden. Er war lange Jahre ehrenamtlich kommunalpolitisch tätig. Heute ist er Vorsitzender und Mitglied verschiedener Aufsichts- und Beiräte.

Wenn Richard David Precht das heutige deutsche Wirtschafts- und Gesellschaftssystem als Titanic bezeichnet, dann ist ein Unternehmer für Michael Heraeus der Kapitän: „Ein guter Unternehmer versucht sein Schiff auf Kurs zu halten, am Eisberg vorbeizusteuern und seine Mannschaft zu befähigen, die gesteckten Ziele zu erreichen – auch bei stürmischer See“, stellt der langjähriger Geschäftsführer der Heraeus GmbH in seiner Keynote als Antwort auf die Thesen des Philosophen fest. Für den Familienunternehmer besteht die Verantwortung der Unternehmen im digitalen Wandel darin, den Spannungsbogen zwischen verschiedenen Interessen zu halten und flexibel auf die Veränderungen zu reagieren. „Unternehmer müssen Verantwortung tragen, auch auf die Gefahr hin, dass sie Fehler machen“, betont Heraeus mit Blick auf die Kernfrage der perspectives 2018 „Wo bleibt der Mensch?“: „Es ist wichtig zu erkennen, wo die Befähigungen der Mitarbeiter sind, und sie auf dem gemeinsamen Weg mitzunehmen, um das leisten zu können, was die Digitalisierung mit sich bringt.“

Die digitalen Technologien gelte es entsprechend zu nutzen, um leistungsfähig zu sein. Doch viele digitale Technologien seien in Deutschland noch gar nicht vorhanden. „Ohne eine flächendeckende Breitbandversorgung müssen wir uns nicht über den digitalen Wandel unterhalten.“ Ebenso wenig sei das Bildungssystem den Aufgaben der Digitalisierung gewachsen. „Wenn die Politik es nicht schafft, dass die jungen Menschen in der Schule für die Herausforderungen in der Arbeitswelt befähigt werden, dann müssen wir Unternehmer sie für die Herausforderungen befähigen.“

Chief Digital Officer, Evonik

Digitalisierung in der chemischen Industrie – Das nächste große Ding

Der Verfahrenstechniker ist seit 1999 bei Evonik und seit 2016 für die Digitalisierungsstrategie des Konzerns verantwortlich. Seit seinem Einstieg ins Unternehmen als Prozessingenieur hat er für den Konzern verschiedene Managementpositionen im Bereich Technologie und Innovation bekleidet. So verantwortete er u.a. Aufbau und Management eines Corporate-Start-ups für die Entwicklung und Herstellung von Lithium-Ionen- Batterie-Komponenten. Im Rahmen eines wirtschaftswissenschaftlichen Zusatzstudiums behandelte er informationsökonomische Fragestellungen sowie spieltheoretische Ansätze zum Kooperationsverhalten von Unternehmen.

„Ist die Digitalisierung das nächste große Ding der chemischen Industrie?“, fragt Henrik Hahn zu Beginn seines Impulsvortrags auf der perspectives 2018. Ja und nein, lautet die Antwort des Chief Digital Officers des Spezialchemiekonzerns Evonik. Die Di­gitalisierung sei ebenso wenig neu, wie das Silicon Valley das Vorbild für erfolgreiche Digitalisierungsstrategien in Deutsch­land sein könne, so die Kernthese des Verfahrensingenieurs. „Es gibt viele Silicon Valleys, die digitale Innovationen hervorbrin­gen. Für den Innovationsstandort Deutschland sei vielmehr die Wertperspektive von Bedeutung: „Entscheidend ist, was der Kunde will“, konstatiert Hahn. Die Di­gitalisierung verändere die Definition von Arbeit, Beschäftigung und auch die Berufsfelder, sie ersetze sie aber nicht. Evonik ver­schiebe deshalb seinen Fokus sowohl hinsichtlich des strategi­schen Managements als auch der Innovationskultur. Dazu zähl­ten die Anpassung bestehender Geschäfte und Prozesse an die digitale Umwelt wie die Nutzung von Virtualisierungen oder auch agiler Projektmanagementmethoden. „Agile Management­methoden schaffen Transparenz doch das bedeutet gleichzeitig Stress. Denn unsere Innovationskultur ist auf Intransparenz aus­gelegt.“ Digitalisierung, so Hahn, sei deshalb eine Gestaltungs­aufgabe und kein Naturgesetz.

Geschäftsführer Personal und Organisation, Sanofi

Digitalisierung in der Praxis

Neben seiner Funktion als Geschäftsführer Personal und Organisation sowie als Arbeitsdirektor der Sanofi-Aventis Deutschland leitet der erfahrene HR-Spezialist auch das Personalwesen des Länderclusters Deutschland-Österreich-Schweiz bei Sanofi. Zuvor war er Leiter HR Industrial Affairs von Sanofi in Deutschland. Coenenberg trat 1996 in das Unternehmen ein. Seitdem hat er zahlreiche lokale und auch globale Positionen bekleidet, u.a. als HR Business Partner für die Region Westeuropa. Coenenberg ist studierter DiplomÖkonom (Uni Augsburg) und graduierte an der Universität von Dayton/USA zum Master of Business Administration.

Wenn es um den digitalen Wandel geht, bleibt der Mensch beim Pharmakonzern Sanofi Aventis Deutschland der Mittelpunkt, sofern er Veränderungen offen gegenübersteht. In seinem Impulsvortrag betont Oliver Coenenberg, Arbeitsdirektor bei Sanofi, wie wichtig der Blick des Managements von der Kommandozentrale in den Maschinenraum ist. „Innovationen finden in der Werkhalle statt. Deshalb tut das Management gut daran, seinen Elfenbeinturm zu verlassen und die Mitarbeiter aktiv mitzunehmen, wenn es um Veränderungen geht.“ Das Pharmageschäft sei heute Tender-Geschäft. Die Planungszyklen entsprechend kurz. Eine auf fünf oder zehn Jahre angelegte Personalplanung gehöre der Vergangenheit an, bestätigt Coenenberg. Die Digitalisierung und in diesem Zusammenhang die bedarfsgerechte Aus- und Weiterbildung der Mitarbeiter seien deshalb fester Bestandteil der gemeinsamen Plattform der Sozialpartner im Pharmakonzern.

Vice President Manufacturing EU/China, DSM

Sustainable continuous improvement

Sjef Arets ist Vice President Manufacturing & Technology EU/China bei DSM Nutritional Products. In dieser Funktion verantwortet er die Produktion in mehreren europäischen und chinesischen Werken und die zugehörende Technologieentwicklung. Arets ist Diplom-Ingenieur (Uni Eindhoven) sowie MBA und seit 1990 für DSM tätig. In dieser Zeit hat der Niederländer verschiedene Aufgaben in den Bereichen Technologie, Produktion sowie USG wahrgenommen. Eine Werkleitung für DSM übernahm er erstmals 2003 im niederländischen Geleen und danach im französischen Village-Neuf, bevor er im März 2013 zum Vice President in der Schweiz ernannt wurde.

Wo bleibt der Mensch? Die Frage sei nicht neu, stellt Sjef Arets vom niederländischen Chemiekonzern DSM in seinem Impuls­vortrag bei der perspectives 2018 fest. Schon bei der Erfindung der Dampfmaschine habe sich die Frage gestellt, ob die Ma­schine die menschliche Arbeitskraft ersetzen könne. Die Art und Weise zu arbeiten, verändere sich. Auch jetzt im Zuge der Digitalisie­rung. Bei DSM gelte daher die Devise Sustainable Continuous Improvement. „Wenn man aufhört sich zu ver­bessern, hat man aufgehört gut zu sein“, lautet das Statement des Diplom-Inge­nieurs, der bei DSM die Produktion in mehr­eren europäischen und chinesischen Werken sowie die dazu­gehörigen Technologiezentren verantwortet.

Im Streben nach kontinuierlicher Verbesserung baut DSM auf drei Säulen: Eine Führungs­kultur des Coa­chings und der Befähigung der Mitarbeiter, in der klar ist, dass das Wissen bei den Akteuren liegt, die in der Tech­nik arbeiten. Ferner ein Arbeitsklima, dass energetisch ist und offen für neues. Die dritte Säule steht für das Management von Talenten und die Erkenntnis, dass die Zeit der Superhelden vorbei ist. „Probleme“, so betont Arets, „können besser von Leuten vor Ort gelöst wer­den, als vom Management.“

Impressionen eines erfolgreichen Events

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Ergebnisse der Teilnehmerbefragung

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